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Warum viele Frauen zu hoch oder zu leise sprechen – und wie sie das ändern können

Gastbeitrag von Dr. Debora Diehl

Die Stimme spielt eine entscheidende Rolle in unserer Kommunikation. Sie ist das Werkzeug, mit dem wir uns ausdrücken, andere überzeugen und Beziehungen aufbauen können.


Aus meiner Erfahrung als Rhetoriktrainerin weiß ich, dass viele Frauen ihre eigene Stimme entweder zu hoch oder zu leise finden. Nicht selten wird ihnen das auch rückgemeldet: „Bitte sprechen Sie doch ein wenig lauter!“ Hinzu kommt, dass Frauenstimmen in der Öffentlichkeit häufiger thematisiert und dann auch eher negativ bewertet werden, denken wir an Fußballkommentatorinnen oder Politikerinnen.


Warum ist das so, und wie können Frauen ihre Stimme gezielt verändern, um selbstbewusster und klarer zu kommunizieren? Darum geht es in diesem Beitrag.

Die Stimme – mehr als nur ein Klang

Unsere Stimme ist nicht nur ein Werkzeug der Kommunikation, sondern auch ein Spiegelbild unserer inneren Befindlichkeit. Stimme und Stimmung haben nicht umsonst denselben Wortstamm. Die Stimme ist einzigartig, wie unser Fingerabdruck, und wird durch zahlreiche Faktoren beeinflusst: Unsere Anatomie, unsere Psychologie und unsere Umwelt. Während der Klang unserer Stimme von Natur aus durch unsere genetische Veranlagung und die Struktur unserer Stimmlippen bestimmt wird, können wir viele Aspekte der Stimme selbst beeinflussen.


Sabine Gutzeit, eine Expertin auf dem Gebiet der Stimmarbeit, stellt in ihrem Stimm-Mobil® ein Modell vor, das die Stimme mit einem Fahrzeug vergleicht:

Unsere Stimme funktioniert im Zusammenhang mit verschiedenen anderen Faktoren, dazu zählt die Körperhaltung, die mit der Karosserie des Autos verglichen wird. Wie das Auto einen Motor benötigt, so brauchen wir Menschen die Atmung. Und um zu entscheiden, in welche Richtung es gehen soll, nutzt die Autofahrerin das Lenkrad, wir nutzen die Artikulationsorgane Zunge, Lippen und Kiefer.


Denn die schönste Stimme kann sich nicht entfalten, wenn wir den Mund beim Sprechen nicht richtig öffnen. Der Kehlkopf, also das eigentliche Stimmorgan, ist das Getriebe, und muss gesund erhalten werden. Diese Erkenntnis zeigt, dass wir unsere Stimme nicht nur passiv hinnehmen müssen – sie lässt sich formen und optimieren.

Warum die Stimme von Frauen oft höher klingt

Im Vergleich zu Männern haben Frauen kürzere und dünnere Stimmlippen, was zu einer höheren Stimmlage führt. So wie eine Geige höher klingt als ein Cello, so klingt auch die weibliche Stimme höher als die männliche. Das bedeutet, dass Frauen aufgrund ihrer Anatomie oft dazu neigen, eine höhere Stimme zu haben.


Die mittlere Sprechstimmlage, also der Bereich der Stimme, der optimal zu mir und meinem Körper passt, lag bis vor 25 Jahren bei Frauen bei ca. 240 Hz und bei Männern bei etwa 120 Hz. Die Stimmlippen eines Mannes bewegen sich demnach etwa 120 Mal, die Stimmlippen von Frauen etwa 240 Mal pro Sekunde. Eine Studie von Michael Fuchs (Professor für Phoniatrie und Pädaudiologie der Universität Leipzig) zeigt jedoch, dass Frauenstimmen in den letzten Jahren tiefer geworden sind und heute bei durchschnittlich 168 Hz liegen (Dlf und Berliner Zeitung). Dieser Trend könnte teilweise durch das Streben nach mehr Souveränität und Autorität in der Kommunikation bedingt sein. Männerstimmen haben sich nicht verändert.


„Der Zeitgeist hat sich in der Stimme niedergeschlagen. Früher waren hohe Frauenstimmen schick – denken Sie etwa an Doris Day.  Es gab viele piepsige, mädchenhafte, süße Stimmen, die nach Schutzbedürfnis klangen. Die heutige Frau steht voll im Leben. Sie muss nicht mehr beschützt werden. Deshalb klingt sie auch anders.“   Michael Fuchs


Doch wie erreichen wir diese Veränderung ohne die Gesundheit der Stimme zu gefährden?

Die richtige Stimmtechnik: Mehr als nur die Tonhöhe

Es geht nicht nur darum, die Tonhöhe zu ändern, sondern vor allem darum, die Stimme gesund und resonanzreich zu entwickeln. Der Schlüssel zu einer angenehmen und kraftvollen Stimme liegt im ausgewogenen Zusammenspiel der Atemtechnik, Körperhaltung und Artikulation.


Anstatt mit Anstrengung und Zwang eine tiefere Stimme zu erzielen, empfiehlt es sich, die Stimme durch gezielte Übungen zu modifizieren. Wichtig ist dabei, dass die Atmung tief in den Bauch und entspannt erfolgt und die Artikulationsorgane flexibel bleiben. Wer sich auf den natürlichen Fluss der Stimme verlässt und die richtigen Techniken anwendet, wird feststellen, dass die Stimme kräftiger und gleichzeitig gesünder klingt.

Vier Grundpfeiler für eine kraftvolle Stimme

  1. Körperhaltung und Bewegung


Eine aufrechte Körperhaltung ist der erste Schritt, um eine angenehme und kräftige Stimme zu entwickeln. Eine optimierte Haltung sorgt nicht nur für eine bessere Präsenz, sondern auch für eine tiefere und freiere Atmung, die wiederum den Klang der Stimme verbessert. Wenn der Körper entspannt ist, fließt die Stimme mühelos. Verspannungen in der Muskulatur beeinträchtigen den Stimmklang und verhindern eine kraftvolle, resonanzreiche Stimme. Achten Sie darauf, Ihre Haltung regelmäßig zu überprüfen – sowohl im Stehen als auch im Sitzen.


  Tipps für eine gute Körperaufrichtung:


  • Füße parallel zueinander, etwa schulterbreit. Guter Bodenkontakt.
  • Knie nicht durchdrücken, Lockerheit in den Knien.
  • Die Einstellung des Beckens ist ebenfalls wichtig: Stellen Sie das Becken so ein, dass weder ein Hohlkreuz, noch ein Katzenbuckel entsteht.
  • Brustkorb aufrichten mit der Vorstellung: Aus dem Brustkorb scheint eine Sonne nach vorne-oben.
  • Am Scheitel des Kopfes hängt ein seidener Faden.

 


    2.  Atemtechnik


Die Atmung ist der Motor der Stimme. Die richtige Atemtechnik hilft nicht nur dabei, die Stimme kraftvoller zu machen, sondern sorgt auch dafür, dass Sie nicht nach jedem Satz nach Luft schnappen müssen. Tiefes Atmen aus dem Bauch aktiviert das Zwerchfell, den Hauptatemmuskel, und gibt der Stimme mehr Kraft. Übungen zur Atemkontrolle sind daher ein wichtiger Bestandteil jeder Stimmarbeit.


  Tipps zur Vertiefung der Atmung:


  • Legen Sie sich flach auf den Rücken und beobachten Sie ganz in Ruhe Ihren Atem. Merken Sie, wie sich die Bauchdecke beim Einatmen nach oben wölbt?
  • Um diese Atemtechnik auch im Stehen zu erreichen, können Sie bewusst das Zwerchfell trainieren. Pusten Sie ruckartig eine (imaginäre) Kerze aus, scheuchen Sie Hühner in den Stall (auf „Ksch“) oder bringen Sie die Kinder zur Ruhe (auf „psst“).
  • Bevor Sie einen Sprechauftritt haben, können Sie durch die Nase ein- und in den Bauch atmen, das bringt auch innere Ruhe bei Lampenfieber.


   

   3.  Artikulation


Präzise Artikulation ist ein weiterer Schlüssel zu einer souveränen Stimme. Durch Übungen zur Artikulation verbessern Sie nicht nur die Präzision Ihres Sprechens, sondern auch den Klang Ihrer Stimme. Zungenbrecher sind eine hervorragende Möglichkeit, die Flexibilität der Artikulationsorgane zu fördern und Ihre Stimme für die richtige Lautstärke und Klarheit zu trainieren.


  Tipps zur Verbesserung der Aussprache:


  • Machen Sie Übungen zur Kieferöffnung, um deutlicher zu sprechen: Gähnen Sie mit weit geöffnetem Mund oder lassen Sie ganz gezielt mal den Unterkiefer locker hängen und halten Sie dabei die Lippen geschlossen. Das ist vor allem für diejenigen effektiv, die häufig den Kiefer zusammenbeißen.
  • Für ein Training der Zungenmuskulatur können Sie mit der Zungenspitze jeden Zahn einzeln antippen (von außen), und nicht die äußeren Backenzähne vergessen!
  • Die Lippen trainieren Sie, indem Sie zum Beispiel einen Kussmund im Wechsel mit einem breiten Lachmund machen.

 

   

   4.  Gesunde Stimmführung


Ein gesunder Umgang mit der Stimme ist entscheidend für eine langfristig starke und belastbare Stimme. Die mittlere Sprechstimmlage ist der Bereich, in dem Sie ohne Anstrengung längere Zeit sprechen können. Dieser liegt etwa im unteren Drittel des gesamten Tonhöhenumfangs. Wer nach längeren Redebeiträgen heiser wird, sollte jetzt besonders aufmerksam sein. Durch gezielte Übungen, wie das Seufzen in der richtigen Stimmlage, können Sie Ihre mittlere Sprechstimmlage finden und so Ihre Stimme ökonomisch und ohne Druck führen.


  Tipps zum Finden der mittleren Sprechstimmlage:


  • Kauen Sie auf einem (imaginären) Stück Apfel herum und summen Sie dabei ganz genüsslich: „mmmmhhhhhhh“ und „mjomm“, „mjamm“.
  • Seufzen Sie unangestrengt von oben nach unten. Klopfen Sie dabei leicht mit den Fingerknöcheln auf den Brustkorb, erspüren Sie beim Seufzen die „Wohlfühl‐Lage“, also die Sprechstimmlage, die für Sie ganz entspannt und ohne Druck produziert werden kann, und bleiben Sie auf diesem Ton stehen.
  • Seufzen Sie erneut unangestrengt von oben nach unten. Federn Sie dabei leicht in den Knien und stellen Sie sich vor, den Ton „herauszuschütteln“. Achten Sie darauf, dass Ihr Kiefer locker geöffnet ist.
  • Lassen Sie Ihre Lippen flattern: Legen Sie die Lippen locker aufeinander, lassen Sie sie leicht und luftig „flattern“, ohne Druck!

Wie Sie mit einer angenehmen Stimme auch etwas Gutes für andere tun

Wer sich intensiv mit seiner Stimme beschäftigt, profitiert nicht nur selbst davon, sondern beeinflusst auch die Wahrnehmung seines Gegenübers. Dies lässt sich durch den sogenannten Funktionellen Nachvollzug erklären: Wenn wir jemandem zuhören, nehmen wir nicht nur die Sprechspannung des anderen wahr, sondern übernehmen sie unbewusst in unsere eigene Sprechweise. Das bedeutet, dass übermäßige oder fehlerhafte Sprechspannung von den Zuhörenden als unangenehm empfunden wird und sich sogar auf ihre eigene Art zu sprechen auswirken kann.



Es lohnt sich, regelmäßig mit der eigenen Stimme zu arbeiten – sei es durch Stimm- und Atemübungen, durch das Erlernen einer gesunden Haltung oder durch Artikulationsübungen. Indem Sie Ihre Stimme bewusst einsetzen, gewinnen Sie nicht nur an Klarheit, sondern auch an Selbstbewusstsein.

Fazit

Die Stimme ist ein mächtiges Werkzeug in der Kommunikation. Frauen haben oft das Gefühl, entweder zu hoch oder zu leise zu sprechen. Durch gezielte Übungen und ein besseres Verständnis für die eigene Stimmtechnik können Sie lernen, Ihre Stimme kraftvoll, klar und gesund einzusetzen. 

Porträt Dr. Debora Diehl

Die Autorin dieses Beitrags ist die Sprechwissenschaftlerin und Logopädin Dr. Debora Diehl.

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